Vertrauen. Zutrauen. Selbstvertrauen.

Nicht jedes Grundschulkind sollte einen Akkubohrer in Händen halten. Das ist gefährlich. Nur die direkten Bezugspersonen können einschätzen, ob sich ein Kind tatsächlich an Sicherheitsanweisungen hält. Doch es muss ja nicht gleich ein Elektrobohrgerät sein. Es gibt auch mechanische Handbohrer, die sich kinderleicht bedienen lassen. Wichtig ist, dass die Kinder Spaß an der Sache haben.
Beim Drachenbauen begeisterte sich meine Tochter zum Beispiel vor allem fürs Bohren und Sägen. Als sie aber letzte Ostern ein Laubsägeset bekam, hat sie es zunächst ignoriert. Sie probierte lieber die neuen Stifte aus und spielte mit den neuen Puppen. Es fehlte der konkrete Anlass, das neue Werkzeug zu benutzen. Interessant wurde es erst, als ich vorschlug, einen Rahmen für ihre Bilder zu bauen.
Viele Mädchen verhalten sich wie meine Tochter: Erst wenn sie eine konkrete Aufgabe lösen wollen, suchen sie nach dem passenden Werkzeug.
Bei Gegenständen aus dem alltäglichen Umfeld fällt ihnen der Zugang zu technischem Gerät leichter als bei typischem Werkzeug. Die Kamera oder den Computer nutzt meine Tochter genauso gern und oft wie Karton, Schere und Klebstoff. Bohrer, Säge und Hammer gehören noch nicht zu ihrem Alltag. Hier muss sie sich erst herantasten. Erste Erfolgserlebnisse hatte sie schon. Und auch hier gilt: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Kinder brauchen Zeit, sich mit Neuem vertraut zu machen.

Mir ging es Mitte der 80-er Jahre ähnlich, als ich feststellte, dass das gerade begonnene Tourismus-Studium mich nicht die Bohne interessierte: Freunde schlugen mir damals vor, doch auf ihren Studiengang umzuschwenken. Sie hätten so wenig Mädchen. Sie schickten mir die einzige Mitstudentin ihres Semesters, und die erzählte mir von Optik, Medizintechnik, Gerätetechnik und der Vielseitigkeit der "Allgemeinen Feinwerktechnik". Mir gefiel daran, dass ich nach dem Studium zum Beispiel neue Kameras bauen oder Haushaltsgeräte testen könnte. Der Physikprofessor prüfte zum Beispiel jedes Jahr die neuen Skischuhmodelle und kam damit jeden Herbst ins Fernsehen. Das interessierte mich. So besuchte ich mit der Studentin einige Vorlesungen und Übungen und wechselte dann vom BWL- zum Ingenieurstudiengang. Ich konnte damals weder feilen noch bohren noch fräsen. Ich war auch nicht in der Computer-AG, hielt aber mein Fahrrad selbst in Schuss.
Während des Studiums fiel mir auf, dass die meisten männlichen Mitstudenten auch nicht mehr Ahnung von der Materie hatten wie ich und oft nur in diesem Studienzweig gelandet sind, weil der Vater Ingenieur war.
Das zeigt mir: Es ist wichtig, beizeiten seine Fähigkeiten und Talente zu erforschen und auszuprobieren. Denn nur so können Mädchen und Jungen ihren Weg danach ausrichten. Wer nie über den Tellerrand geschaut hat, weiß nicht, wie bunt die Welt sein kann.

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